Beispiel aus der Praxis: Streit der Woche
Sonntagmorgen. Ein harmloses Telefonat löst einen Beziehungskrieg aus.
Er kündigt beim Frühstück an, gleich mit einem alten Schulfreund zu telefonieren. Bei ihr schrillen sofort die Alarmglocken. Kaffeetassen bleiben unberührt. Die Stimmung kippt.
Was sie denkt: „Er hält es nicht mal für nötig, das mit mir abzusprechen. Für seinen Kumpel findet er Zeit, aber unsere Paarzeit? Die schiebt er seit Monaten vor sich her.“
Was er fühlt: „Warum muss ich um Erlaubnis fragen für ein Telefonat? Ich bin doch kein Kind!“
Der Streit eskaliert. Sie werfen sich Sätze an den Kopf über Rücksichtnahme und Familienzeit. Er kontert mit Autonomie und Vertrauen. Einer verlässt wutentbrannt den Raum, die andere zieht sich ins Kinderzimmer zurück.
Was wirklich dahintersteckte:
- Bei ihr wurde das Gefühl aktiviert, nicht gesehen und nicht wichtig zu sein
- Bei ihm das Bedürfnis nach Autonomie und die Angst vor Kontrolle
- Beide kämpfen um grundlegende Bedürfnisse – nur reden sie nicht darüber
Interessanterweise: Erst spät am Abend, als die Kinder schlafen, können sie über die wahren Emotionen sprechen. Plötzlich versteht er, dass es ihr nicht um Kontrolle ging, sondern um Verbindung. Und sie erkennt, dass sein Autonomiebedürfnis nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat.
Manchmal ist Paartherapie wie Detektivarbeit. Gemeinsam gehen wir der Ursache von Konflikten auf den Grund.
Réka Török
Was ich in der Paartherapie immer wieder erlebe
Die meisten Streitigkeiten sind wie Eisberge. An der Oberfläche sehen wir nur die Spitze – das Telefonat, die vergessene Milch, den vollen Mülleimer. Doch darunter liegen die eigentlichen Themen:
- Das Bedürfnis, gesehen und wertgeschätzt zu werden
- Die Sehnsucht nach Verbindung
- Der Wunsch nach Autonomie
- Alte Verletzungen, die wieder aktiviert werden
Mein 3-Schritte-Tipp für Ihren nächsten Streit:
Wenn Sie merken, dass die Emotionen hochkochen:
- 1. Pause: Atmen Sie dreimal tief durch, bevor Sie reagieren
-
2. Fragen Sie sich: Was fühle ich wirklich gerade? Worum geht es mir eigentlich? – nicht das Telefonat, sondern das Gefühl dahinter
-
3. Teilen: Und dann teilen Sie es mit: "Weißt du, eigentlich geht es mir darum, dass..." – sprechen Sie über das Gefühl oder Bedürfnis unter der Oberfläche
Manchmal ist Paartherapie wie Detektivarbeit. Gemeinsam gehen wir der Ursache von Konflikten auf den Grund. Und wenn Paare meinen Praxisraum hoffnungsvoller verlassen als sie gekommen sind – dann weiß ich, warum ich diese Arbeit so sehr liebe.
Über Réka Török
Réka Török ist Paarberaterin und Change Leaderin für gute Beziehungen. Mit ihrer wissenschaftlich fundierten Ausbildung in der differenzierungsbasierten Paartherapie am Couples Institute in Kalifornien verbindet sie Erkenntnisse aus Bindungstheorie und Neurowissenschaften, um Paare dabei zu unterstützen, Konflikte zu lösen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam emotional zu wachsen. Ihr empathischer und vorurteilsfreier Ansatz hilft Paaren, mutig neue Wege zu gehen und ihre Beziehung nachhaltig zu stärken.