Warum wir Teams am Arbeitsplatz fördern, aber die eigene Paarbeziehung oft dem Zufall überlassen
Im Arbeitskontext sprechen wir viel über Leistung und leistungsstarke Teams. Unsere eigene Paarbeziehung überlassen wir dagegen oft dem Zufall. „Wir dachten, es wird sich schon alles fügen, wenn unser Kind da ist“ oder „Wir dachten, wir finden schon eine Lösung für Problem X oder Y“ – solche Sätze höre ich häufig rückblickend, wenn Erwartungen unausgesprochen blieben und später enttäuscht wurden. Die Paarbeziehung ist oft die Beziehung, die am wenigsten unmittelbare Konsequenzen hat, wenn man sie vernachlässigt – und deshalb wird sie am leichtesten nach hinten geschoben.
Kinder melden ihre Bedürfnisse sofort. Der Job produziert Deadlines. Der Haushalt wird sichtbar, wenn er liegen bleibt. Rechnungen müssen bezahlt, Termine organisiert, Einkäufe erledigt werden. Die Partnerschaft dagegen funktioniert oft erstaunlich lange weiter, auch wenn sie kaum noch Aufmerksamkeit bekommt.
Genau darin liegt das Risiko.
Eine Beziehung zerbricht selten daran, dass ein Paar einmal keine Zeit füreinander hat. Problematisch wird es, wenn aus einer Phase ein dauerhafter Modus wird: Man spricht fast nur noch über Organisation, Kinder und To-dos. Gespräche werden funktional. Man funktioniert gut als Eltern- oder Organisationsteam, aber immer weniger als Paar.
Die Paarbeziehung wird häufig als Ressource behandelt, nicht als etwas, das selbst Ressourcen braucht.
Von ihr wird erwartet, dass sie trägt: Stress, Elternschaft, Schlafmangel, zwei Karrieren und familiäre Verpflichtungen. Gleichzeitig bekommt sie oft genau dann am wenigsten Aufmerksamkeit, wenn besonders viel von ihr verlangt wird.
Das Paradoxe ist: Gerade weil die Beziehung zunächst so belastbar ist, wirkt ihre Vernachlässigung lange harmlos.
Im Job investieren wir enorm viel Zeit und Geld in High-Performing Teams. Wir definieren Rollen, etablieren Feedbackkultur, führen Retrospektiven durch und arbeiten an psychologischer Sicherheit. Gleichzeitig erwarten wir von unserer Partnerschaft zu Hause, dass sie einfach bestmöglich funktioniert, quasi High Performance ohne Training.
In unserer wichtigsten privaten Beziehung verlassen wir uns häufig darauf, dass der andere da ist und bleibt: aus Liebe, Verpflichtung und/oder Verantwortung.
Was können wir also aus der Organisationspsychologie lernen? Dass gute Zusammenarbeit selten zufällig entsteht. Nur bei Paarbeziehungen hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Liebe allein ausreichen müsste. Dabei lassen sich Konfliktfähigkeit, Zuhören, Emotionsregulation, Wiederherstellung der Verbindung nach einem Konflikt ebenfalls trainieren.
Die wichtigsten Prinzipien guter Teamarbeit gelten auch zu Hause:
- Können wir schwierige Dinge ansprechen, ohne Angst vor der Reaktion des anderen zu haben?
- Können wir unterschiedlicher Meinung sein, ohne uns gegenseitig abzuwerten?
- Sind Erwartungen klar oder hoffen wir, dass der andere sie einfach kennt?
- Und können wir Konflikte so lösen, dass keiner das Gefühl hat, als Verlierer daraus herausgegangen zu sein?
Vielleicht könnten wir unserer Paarbeziehung etwas von der Aufmerksamkeit geben, die wir selbstverständlich in unsere beruflichen Teams investieren, damit sie zum leistungsstärksten Team par Excellence wird.
Doch es gibt Paare, die das anders machen. Was haben also erfolgreiche Teams und erfolgreiche Paare gemeinsam?
David Burkus fasst in „Best Team Ever: The Surprising Science of High-Performing Teams“ die Forschung zu leistungsfähigen Teams in drei zentrale Bedingungen zusammen:
1. Gemeinsames Verständnis
High-Performing Teams brauchen Klarheit darüber, wer was kann, wer wofür verantwortlich ist, wie gearbeitet wird und wie die einzelnen Beiträge zusammenwirken, so dass die Teammitglieder ein realistisches Bild voneinander haben.
Dazu gehören insbesondere Klarheit über Rollen und Verantwortlichkeiten, die Stärken und Schwächen der anderen, Arbeitsweisen und Präferenzen sowie ein gemeinsames Verständnis davon, wie Entscheidungen getroffen werden.
Übertragung auf Paare: Verstehe ich wirklich meinen Partner/meine Partnerin, seine/ihre Bedürfnisse, Verletzlichkeiten, Erwartungen und was ihn/sie als Mensch ausmacht?
2. Psychologische Sicherheit
Die zweite Säule ist psychologische Sicherheit: Menschen müssen sich sicher genug fühlen, Fragen zu stellen, Fehler einzugestehen, anderer Meinung zu sein, um Hilfe zu bitten oder eine unbequeme Beobachtung auszusprechen.
Für Paarbeziehungen ist das wahrscheinlich die stärkste Parallele: Kann ich sagen, was ich wirklich denke und fühle, ohne sofort Abwertung, Rückzug oder Gegenangriff befürchten zu müssen.
3. Gemeinsame Vision und Motivation
Menschen arbeiten besser zusammen, wenn sie verstehen, wem ihre gemeinsame Arbeit nützt und warum sie relevant ist. High Performance entsteht also nicht nur aus Zielen und KPIs, sondern auch aus Bedeutung.
Das lässt sich 1:1 auf die Paarbeziehung übertragen. Haben wir ein Gefühl dafür, was wir gemeinsam aufbauen wollen und warum unsere Beziehung uns wichtig ist? Was ist unser gemeinsames “Warum“?
David Burkus sagt auch, „Nicht die Talente machen das Team. Das Team macht die Talente.“
Burkus argumentiert, dass High-Performing Teams weniger dadurch entstehen, dass man außergewöhnlich talentierte Menschen zusammenbringt. Entscheidend ist vielmehr eine Teamkultur, die es Menschen ermöglicht, ihr Potenzial bestmöglich zu entfalten.
Auf Beziehungen übertragen heißt das: Nicht den „richtigen“ Menschen zu finden, macht automatisch eine gute Beziehung. Entscheidend ist, was zwei Menschen miteinander erschaffen.
Warum sollten wir also von unseren wichtigsten Beziehungen weniger erwarten als von unseren beruflichen oder weniger in sie investieren? Wenn Sie bereit sind in Ihre Beziehung genauso viel zu investieren, wie in Ihr Team oder Ihre Führungsrolle, dann schreiben Sie mir eine Nachricht.
Quelle
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David Burkus Best Team Ever: The Surprising Science of High-Performing Teams
Twinbolt, 2023