Die festgefahrensten Beziehungen sind die, in denen jeder den anderen unveränderlich halten möchte.
Dr. Ellyn Bader
Was sind häufige Gründe für das Scheitern von Beziehungen?
Viele Paarbeziehungen scheitern an genau diesem Festhalten an der symbiotischen Harmonie aus der Anfangsphase der Beziehung. Denn in der Verliebt-Phase verhalten wir uns anders und unser Partner/unsere Partnerin auch. Wenn Paare sich treffen, sind sie zwei verschiedene Menschen. Sie haben ihre eigenen Vorlieben, Abneigungen, Fantasien und Träume. Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, findet ein symbiotischer Prozess der Verschmelzung von Grenzen statt. Das ist ein natürlicher Prozess, der es dem Paar ermöglicht, sich aufeinander einzulassen und sich auf die Beziehung festzulegen. In dieser Phase liegt der Fokus auf der anderen Person und auf den Gemeinsamkeiten. Wir möchten eine Bindung zum anderen aufbauen. Deshalb zeigen wir uns, wie unser Partner uns sehen möchte, und sehen in unserem Partner, was wir sehen möchten. Das Grundgefühl dieser Phase ist: „Wir sind so ähnlich“/“Wir passen so gut zusammen“.
Mit der Zeit beginnen die Paare jedoch zu erkennen, dass sie sich nicht so ähnlich sind, wie sie ursprünglich dachten. In diesem Prozess fangen sie an, sich selbst zu definieren, indem sie einander ihre Bedürfnisse, Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte ausdrücken. Immer mehr rücken die Unterschiede in den Vordergrund, und wenn Paare es nicht schaffen, zu tolerieren, dass der Partner ein separates und eigenständiges Selbst ist, seine eigenen Gedanken, Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte hat, beginnen sie Spannung und Angst zu empfinden: Angst vor der Ablehnung des anderen, wenn sie sich so zeigen, wie sie wirklich sind. Paare beginnen, ihre Beziehung zu hinterfragen. Dies ist oft der Punkt, an dem viele Paare Schwierigkeiten haben, alleine weiterzukommen, was sich in langanhaltenden Konflikten oder einem Rückzug aus der Beziehung äußern kann.
Wenn Paare also in Konfliktsituationen geraten, die sie allein nicht lösen können, geschieht dies oft, weil es an der Differenzierungsfähigkeit mangelt. In jeder Beziehung gibt es Momente des Konflikts, die oft aus Missverständnissen, unterschiedlichen Bedürfnissen oder emotionalen Reaktionen resultieren. Daher ist es nicht entscheidend, keine Konflikte zu haben, sondern diese Konflikte gut lösen zu können. Je differenzierter ein Paar ist, desto einfacher kann es seine Konflikte lösen.
Was ist Differenzierung?
Differenzierung bezieht sich auf die Fähigkeit, sich selbst als eigenständige Person zu erkennen und gleichzeitig in einer engen Beziehung zu einem anderen Menschen zu stehen. Es bedeutet, die eigenen Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse zu verstehen und auszudrücken, während man zugleich die Perspektive des Partners respektiert und anerkennt, auch wenn diese konträr zu den eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen ist. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Es bedarf viel Übung, um die Spannung auszuhalten, wenn der Partner Dinge anders sieht, andere Wünsche und Vorstellungen über etwas hat als man selbst. Es bedarf viel Mut und Risikobereitschaft, sich in seinem Wunsch oder Bedürfnis zu zeigen, wenn man weiß oder befürchtet, dass dies erstmal auf Ablehnung trifft. Differenzierung ist ein zentraler Aspekt gesunder Beziehungen und spielt eine entscheidende Rolle in der Art und Weise, wie Paare Konflikte erleben und lösen und ob sie eine erfolgreiche und lebendige Beziehung führen können. Oder mit den Worten von Ellyn Bader:
Die Differenzierung macht den Unterschied aus zwischen Beziehungen, die festgefahren oder langweilig sind, und solchen, die lebendig sind und wachsen.
Dr. Ellyn Bader
Herausforderungen beim Umgang mit Unterschieden in Beziehungen
Die Differenzierung in Beziehungen ist oft schwierig und mit vielen Herausforderungen verbunden:
1. Emotionale Reaktivität
In Konfliktsituationen neigen wir dazu, emotional zu reagieren, anstatt rational zu handeln. Wenn wir nicht gut differenziert sind, können wir uns leicht von unseren Emotionen überwältigen lassen. Dies führt dazu, dass wir uns defensiv verhalten oder uns zurückziehen, anstatt neugierig zu bleiben und Fragen zu stellen, bis wir den Standpunkt des Partners wirklich verstanden haben.
2. Angst vor Ablehnung
Die Angst, die Beziehung zu verlieren oder abgelehnt zu werden, kann Menschen daran hindern, ihre wahren Gedanken und Gefühle auszudrücken, was zu einem Mangel an Authentizität und Ehrlichkeit in der Beziehung führt.
3. Abhängigkeit von Bestätigung
Sich zu sehr auf die Bestätigung durch einen Partner zu verlassen, kann die Fähigkeit beeinträchtigen, ein Gefühl für sich selbst zu bewahren. Diese Abhängigkeit kann dazu führen, dass persönliche Bedürfnisse und Wünsche zugunsten der Beziehung geopfert werden.
4. Schwierigkeiten bei der Balance zwischen Autonomie und Intimität
Die richtige Balance zwischen Nähe und persönlicher Autonomie zu finden, ist eine häufige Herausforderung. Zu viel Abhängigkeit vom Partner kann zu Verstrickung führen, während zu viel Distanz zu emotionaler Trennung führen kann.
5. Konfliktvermeidung
Manche Paare vermeiden Konflikte ganz, weil sie glauben, dass dies die Beziehung harmonisch hält. Dies führt jedoch oft zu ungelösten Problemen und unterdrückten Emotionen, die schließlich größere Probleme verursachen können.
6. Starre Überzeugungen und Erwartungen
Starre Überzeugungen darüber, wie Beziehungen sein sollten, oder unrealistische Erwartungen an einen Partner können Barrieren für die Differenzierung schaffen. Flexibilität und Offenheit für Veränderungen sind entscheidend für das Wachstum von Beziehungen.
7. Kommunikationsbarrieren
Ineffektive Kommunikation, wie z. B. Schuldzuweisungen, Kritik oder Mauern, kann eine gesunde Differenzierung verhindern. Konstruktive Kommunikationsfähigkeiten sind unerlässlich, um individuelle Bedürfnisse auszudrücken und die Perspektive des Partners zu verstehen.
8. Mangelndes Selbstbewusstsein
Ohne Selbstbewusstsein ist es schwierig, persönliche Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen zu erkennen. Selbstreflexion und Introspektion sind notwendig, um sich selbst zu verstehen und Differenzierung zu fördern.
9. Kultureller und gesellschaftlicher Druck
Gesellschaftliche und kulturelle Normen können Erwartungen und Verhaltensweisen in Beziehungen beeinflussen und manchmal Abhängigkeit und Konformität anstelle von Individualität und Differenzierung fördern.
10. Vergangene Traumata und Bindungsprobleme
Frühere Erfahrungen mit Traumata oder unsicheren Bindungsstilen können die Fähigkeit zur Unterscheidung beeinträchtigen. Diese Probleme können professionelle Hilfe erfordern, um sie anzugehen und zu überwinden.
Um diese Herausforderungen zu meistern, bedarf es eines Engagements für persönliches Wachstum, offene Kommunikation und gegenseitigen Respekt. Paare können von Therapien, Selbsthilferessourcen und kontinuierlichen Bemühungen profitieren, um ihre Differenzierung zu verbessern und ihre Beziehung zu stärken.
Konkrete Schritte zur Förderung der Differenzierungsfähigkeit
Um die Kraft der Differenzierung in Ihrer Beziehung zu nutzen, können Sie folgende Schritte in Betracht ziehen:
- Selbstreflexion:
Nehmen Sie sich Zeit, um über Ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Emotionen nachzudenken. Was sind die Themen, die in Konflikten immer wieder auftauchen? Wie können Sie Ihre eigenen Reaktionen besser verstehen? Was ist die eine Veränderung, die sie sofort umsetzen möchten? - Offene Kommunikation:
Üben Sie, Ihre Gedanken und Gefühle klar und respektvoll auszudrücken. Verwenden Sie „Ich-Botschaften“, um Ihre Perspektive zu teilen, ohne Ihren Partner anzugreifen. - Empathie entwickeln:
Versuchen Sie, sich in die Lage Ihres Partners zu versetzen. Fragen Sie nach seinen oder ihren Gefühlen und Bedürfnissen und hören Sie aktiv zu. Sprechen Sie ein Angebot an den Partner/die Partnerin aus: „Erzähl mir mehr“. - Grenzen setzen und respektieren:
Erkennen Sie Ihre eigenen Grenzen und die Ihres Partners an und respektieren Sie diese. Das hilft dabei, ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Autonomie zu finden. - Gemeinsame Zeit und individuelle Zeit:
Planen Sie regelmäßige Zeiten für gemeinsame Aktivitäten, aber auch für individuelle Interessen und Hobbys. Dies fördert sowohl die Nähe als auch die Autonomie.
Quellen
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Ellyn Bader, Peter Pearson, Judith D. Schwartz Tell Me No Lies. How To Stop Lying To Your Partner - And Yourself - In The 4 Stages Of Marriage
St. Martin's Press. 2000, New York
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Dr. Ellyn Bader Differentiation in Couples Relationships
Englischsprachiger Blogbeitrag über Differenzierung in Paarbeziehungen (aufgerufen am 02.03.2025)
Über Réka Török
Réka Török ist Paarberaterin und Change Leaderin für gute Beziehungen. Mit ihrer wissenschaftlich fundierten Ausbildung in der differenzierungsbasierten Paartherapie am Couples Institute in Kalifornien verbindet sie Erkenntnisse aus Bindungstheorie und Neurowissenschaften, um Paare dabei zu unterstützen, Konflikte zu lösen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam emotional zu wachsen. Ihr empathischer und vorurteilsfreier Ansatz hilft Paaren, mutig neue Wege zu gehen und ihre Beziehung nachhaltig zu stärken.