Woher der Wunsch nach Rettung kommt
Viele Menschen gehen Beziehungen mit einer stillen, aber kraftvollen Hoffnung ein: dass der richtige Partner endlich dafür sorgen wird, dass man sich sicher, geborgen und geliebt fühlt.
Popsongs und romantische Filme vermitteln uns oft die Vorstellung, dass jeder irgendwann seine einzig wahre, dauerhaft glückliche Beziehung finden wird. Irgendwo soll es diesen Menschen geben, der uns heilt, vervollständigt und rettet. Entspricht der eigene Partner nicht diesem Ideal, denken viele, er sei nicht der Richtige oder man müsse ihn erst dazu machen.
Die Erwartung, dass ein anderer Mensch den alten Schmerz für uns wegmacht, ist verständlich und menschlich. Die Erwartung entsteht häufig aus den ersten Beziehungen, in denen, meistens unsere Eltern, die emotionalen Bedürfnisse nicht zuverlässig erfüllt haben. Wenn erwachsene Partnerschaften diese Aufgabe kompensatorisch übernehmen sollen, geraten Paare oft in Schwierigkeiten.
Unsere ersten Beziehungen, das sind die Beziehungen, die wir als Kinder zu unseren Eltern hatten, bestimmen, was wir von Nähe erwarten.
Wenn die Bezugspersonen emotional da und einfühlsam sind, entwickeln die Kinder meist das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in sich und in die Welt. Ihr Glaubenssatz heißt „Ich bin ok, so wie ich bin. Meine Eltern haben mich lieb, ohne dass ich etwas dafür leisten muss. Die Liebe meiner Eltern ist nicht an Bedingungen geknüpft, ich muss sie nicht erst verdienen, um mich geliebt zu fühlen.“
Wenn die Fürsorge dagegen unberechenbar, chaotisch, überfordernd oder einfach nicht da ist, dann lernen die Kinder, besonders wachsam zu sein, sobald sie Anzeichen von Zurückweisung oder Verlust spüren. Sie wachsen mit dem Glaubenssatz auf, dass etwas mit ihnen nicht stimmen kann, sonst würde Mama und Papa sich nicht so kritisch, abwesend, ungeduldig oder wütend verhalten.
Diese Muster sind Schutzreaktionen, die wir in unseren frühen Interaktionen mit unseren Eltern gelernt haben. Problematisch werden diese, wenn wir unseren Partner/unsere Partnerin unbewusst dafür verantwortlich machen, die alten Wunden zu beruhigen und zu heilen.
In romantischen Beziehungen zeigen sie sich häufig als:
- Verlustangst
- Trennungsangst
- starkes Bedürfnis nach Bestätigung
- Schwierigkeiten, Unsicherheit auszuhalten
- übermäßige Anpassung, um Konflikte zu vermeiden etc.
Der Wunsch nach Erlösung spiegelt sich häufig in der Partnerwahl: Viele wählen jemanden, der an die Person erinnert, von der sie einst Liebe und Sicherheit erhofft haben, in der Hoffnung, das eigene Selbstwertgefühl zu stärken.
Mutige Liebe umfasst eine Akzeptanz aller Anteile des anderen, denn es besteht kein Drang mehr, den anderen in die Rolle als Eltern, Erlöser, Selbstverstärker oder Beschützer einzusperren.
Richard C. Schwartz
Wie alte Wunden unsere Beziehungen beeinflussen
Von einem Partner zu erwarten, dass er unser Sicherheitsgefühl repariert und er oder sie endlich schafft, dass wir uns liebenswert fühlen, gibt der Beziehung eine unmögliche Aufgabe. So fürsorglich jemand auch ist — er oder sie wird irgendwann:
- missverstehen
- enttäuschen
- Fehler machen
Gute Beziehungen beruhen nicht darauf, dass man den anderen rettet. Gute Beziehungen funktionieren, weil man die Verantwortung für die eigene emotionale Stabilität übernimmt.
Das bedeutet:
- eigene Trigger wahrnehmen
- innehalten, bevor man reagiert
- Verletzlichkeit benennen statt angreifen
- Selbstberuhigung üben
- im Kontakt bleiben, auch bei Konflikten
Wir beginnen zu fragen:
- Was brauche ich gerade?
- Kommt diese Reaktion aus der Gegenwart — oder aus einer alten Verletzung?
- Wie kann ich das meinem Partner/meiner Partnerin sagen, ohne ihn/sie dafür verantwortlich zu machen?
Langfristig stabile Beziehungen entstehen nicht dadurch, dass man einander rettet.
Sie entstehen durch gegenseitigen Respekt, emotionale Reife, Heilen von alten Wunden, mitfühlende Kommunikation, Reparatur nach Konflikten und Verantwortung für das eigene Wohlbefinden. Heilung geschieht, wenn wir lernen, mitfühlend mit unseren eigenen verletzten Anteilen umzugehen, anstatt diese Arbeit an einen Partner auszulagern.
Wenn wir für unsere wunden Teile aus der Vergangenheit ausreichend sorgen, müssen diese nicht mehr die Führung in der Partnerschaft übernehmen. Dadurch entfällt auch der Anspruch, den Partner oder die Partnerin verändern zu müssen.
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In der wöchentlichen Paarberatung und Paartherapie und Intensiv-Paartherapie schauen wir gemeinsam darauf, wie frühere Beziehungserfahrungen heutige Dynamiken prägen — und wie Paare aus Kreisläufen von Angst, Rückzug und Druck herausfinden können.
Wenn Sie Unterstützung dabei möchten, Ihre Beziehungsmuster besser zu verstehen, können Sie sich gern melden, um mehr über eine Zusammenarbeit zu erfahren.
Quelle
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Richard C. Schwartz Mutige Liebe. Beziehungen verstehen und gestalten mit dem IFS-Modell
München: Kösel Verlag, 2025
Über Réka Török
Réka Török ist Paarberaterin und Change Leaderin für gute Beziehungen. Mit ihrer wissenschaftlich fundierten Ausbildung in der differenzierungsbasierten Paartherapie am Couples Institute in Kalifornien verbindet sie Erkenntnisse aus Bindungstheorie und Neurowissenschaften, um Paare dabei zu unterstützen, Konflikte zu lösen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam emotional zu wachsen. Ihr empathischer und vorurteilsfreier Ansatz hilft Paaren, mutig neue Wege zu gehen und ihre Beziehung nachhaltig zu stärken.