Réka Török

Warum das Gehirn unsere Paarbeziehung beeinflusst

Die Bedeutung des Nervensystems in Paarbeziehungen

Das Nervensystem spielt eine entscheidende Rolle in Paarbeziehungen, da es unsere emotionalen Reaktionen, unser Verhalten und unsere Interaktionen mit anderen beeinflusst. Es steuert nicht nur unsere körperlichen Reaktionen auf Stress und Freude, sondern auch, wie wir Nähe und Intimität erleben.

Wenn wir uns in einer Beziehung befinden, aktiviert unser Nervensystem verschiedene Reaktionen, die unsere Bindung und unser Wohlbefinden fördern können. Zum Beispiel kann das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in einer Beziehung das parasympathische Nervensystem aktivieren, was zu Entspannung und einem Gefühl der Verbundenheit führt. Auf der anderen Seite können Stress oder Konflikte das sympathische Nervensystem aktivieren, was zu Angst oder Aggression führen kann.

Darüber hinaus beeinflusst das Nervensystem auch unsere Fähigkeit zur Empathie und zur emotionalen Regulation. Ein gut funktionierendes Nervensystem ermöglicht es uns, die Emotionen unseres Partners besser zu erkennen und darauf zu reagieren, was die Kommunikation und das Verständnis in der Beziehung verbessert.

Der Schlüssel zu sicher funktionierenden Beziehungen ist die Regulierung der emotionalen Erregung bei sich und beim Anderen.

Stan Tatkin

Das soziale Gehirn und das Überlebensgehirn

Unser Gehirn kann in zwei Hauptsysteme unterteilt werden: das soziale Gehirn, das für unsere zwischenmenschlichen Interaktionen zuständig ist, und das Überlebensgehirn, das auf Bedrohungen reagiert. In einer Partnerschaft ist es entscheidend, dass wir unser soziales Gehirn aktivieren, um Nähe und Sicherheit zu fördern. Wenn wir uns in einer Beziehung sicher fühlen, können wir uns besser öffnen und eine tiefere Verbindung aufbauen.

Paare in eskalierenden Konfliktsituationen aktivieren gegenseitig das „Überlebensgehirn“ des Anderen. In stressigen oder konfliktbeladenen Situationen übernimmt das limbische System, insbesondere die Amygdala, die Steuerung und versetzt uns in einen Zustand von Kampf, Flucht oder Erstarren. Der präfrontale Kortex, der Teil des Gehirns, der für die kognitive Verarbeitung von Informationen und die Regulation von Emotionen zuständig ist, wird in solchen Momenten ausgeschaltet. Die automatischen Prozesse und Gedankenschemata unseres Gehirns übernehmen die Steuerung und führen zu einigen Missverständnissen, besonders wenn sie auf vergangenen negativen Erfahrungen basieren.

Alte Verletzungen und ungelöste Konflikte können durch scheinbar kleine Ereignisse wieder auftauchen, was zu übermäßigen Reaktionen führen kann. Oft handeln wir aufgrund von Annahmen über den Partner, die möglicherweise nicht zutreffen. Diese Annahmen entstehen aus automatischen negativen Denkprozessen und können zu Unzufriedenheit führen. Denn das menschliche Gehirn hat eine Tendenz, sich auf negative Erfahrungen und Gedanken zu fokussieren. Das nennt man auch Negativitätsbias. Diese Verzerrung kann darauf zurückzuführen sein, dass negative Erfahrungen in der Evolution eine größere Bedeutung für das Überleben hatten. Die Fähigkeit, Bedrohungen und Gefahren schnell zu erkennen und darauf zu reagieren, war entscheidend für das Überleben unserer Vorfahren. In einer Paarbeziehung  sind diese Reaktionen leider wenig hilfreich.

Paare sollten deshalb lernen, die Signale des Nervensystems des anderen zu erkennen und darauf regulierend einzuwirken. Dies bedeutet, in schwierigen Momenten ruhig zu bleiben und empathisch zu reagieren, anstatt impulsiv zu handeln. Techniken wie aktives Zuhören, das Einnehmen einer offenen Haltung und das Pausieren, um unsere Gedanken zu sammeln, können dazu beitragen, die Kommunikation zu verbessern und Konflikte konstruktiver zu lösen.

Techniken zur emotionalen Regulation

  • Achtsamkeitsübungen:
    Achtsamkeit bedeutet, bewusst im gegenwärtigen Moment zu leben und die eigenen Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Durch regelmäßige Achtsamkeitsübungen wie Meditation oder das bewusste Fokussieren auf das Atmen können Paare lernen, in Stresssituationen ruhiger und gelassener zu reagieren. Diese Techniken fördern die bewusste Wahrnehmung von Emotionen und helfen, in stressigen Momenten Ruhe zu bewahren.
  • Atemübungen:
    Atemübungen wie tiefes und bewusstes Atmen können dazu beitragen, das Nervensystem zu beruhigen und emotionale Erregung zu reduzieren. Bei der Bauchatmung beispielsweise konzentriert man sich darauf, tief in den Bauch einzuatmen und langsam wieder auszuatmen. Diese Technik kann helfen, den Körper zu entspannen und den Geist zu beruhigen, was besonders in angespannten Situationen nützlich ist.
  •  Kommunikationstechniken:
    Techniken wie aktives Zuhören, bei dem man dem Partner die volle Aufmerksamkeit schenkt und seine Aussagen reflektiert, sowie die gewaltfreie Kommunikation, bei der man Ich-Botschaften verwendet und auf Vorwürfe verzichtet, können die Kommunikation in der Beziehung verbessern. Augenkontakt ist dabei ein starkes Bindeglied. Wenn wir in die Augen des Partners schauen, dann sehen wir seinen aktuellen emotionalen Zustand.
  •  Selbstreflexion:
    Selbstreflexion bedeutet, regelmäßig über die eigenen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen nachzudenken. Indem man sich seiner eigenen Muster und Auslöser bewusst wird, kann man besser verstehen, warum man in bestimmten Situationen so reagiert, wie man es tut, und alternative Verhaltensweisen entwickeln. Diese Praxis unterstützt die emotionale Regulation und hilft dabei, sich selbst und den Partner besser zu verstehen.

Neugier statt Wut

Wenn wir also aus der Forschung wissen, dass wir uns in Beziehungen die meiste Zeit missverstehen, dann lohnt es sich, unsere Annahmen oder Wahrnehmungen in einer Konfliktsituation immer wieder zu überprüfen: Was höre ich, was sage ich und was hört mein Partner? Reden wir über das Gleiche? Sagt mein Gesicht etwas anderes als meine Worte oder meine Stimme? Ist die Annahme, die ich über meinen Partner/meine Partnerin treffe, wirklich zutreffend?

Der beste Weg besteht darin, neugierig, freundlich, flexibel, bescheiden und offen für Fehler zu bleiben. Die Integrität Ihrer Beziehung ist das, was Sie sicher und geborgen hält, nicht Ihr Festhalten an Fakten, Rechtschaffenheit, Leistung oder Perfektion. In einer guten Beziehung geht es weniger um Recht haben, denn das ist hinderlich, wenn man eine sichere Bindung zum Partner aufzubauen möchte. In einer sicheren Bindung kann es nur Gewinner geben und jegliche Abwertung des Anderen gefährdet diese Sicherheit.

Ein stabiles emotionales Umfeld, in dem beide Partner lernen, ihre automatischen Reaktionen zu erkennen und zu regulieren, kann das Vertrauen und die Sicherheit in der Beziehung stärken. Laut Stan Tatkin, Paartherapeut und Forscher, ist das Regulieren der Erregung bei sich und dem Partner der Schlüssel zu sicher funktionierenden Beziehungen. Wenn wir unsere emotionalen Reaktionen besser verstehen und steuern können, schaffen wir eine stabilere und sicherere Basis für zwischenmenschliche Verbindungen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass das Verständnis der neurologischen Grundlagen unserer Beziehungen uns helfen kann, gesündere und erfüllendere Partnerschaften zu führen. Es geht darum, die Verbindung zu stärken und gemeinsam an der Beziehung zu arbeiten, um ein harmonisches Miteinander zu schaffen.

Quelle

  • Stan Tatkin We Do. Saying Yes to a Relationship of Depth, True, Connection and Enduring Love.

    Boulder, Colorado: Sounds True 2018.

Über Réka Török

Réka Török ist Paarberaterin und Change Leaderin für gute Beziehungen. Mit ihrer wissenschaftlich fundierten Ausbildung in der differenzierungsbasierten Paartherapie am Couples Institute in Kalifornien verbindet sie Erkenntnisse aus Bindungstheorie und Neurowissenschaften, um Paare dabei zu unterstützen, Konflikte zu lösen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam emotional zu wachsen. Ihr empathischer und vorurteilsfreier Ansatz hilft Paaren, mutig neue Wege zu gehen und ihre Beziehung nachhaltig zu stärken.

Réka Török

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