Réka Török

Intimität und Verlangen in romantischen Beziehungen

Wenn Liebe da ist, aber Lust fehlt

Viele Paare suchen therapeutische Unterstützung, weil sie sich beim Thema Sexualität festgefahren und entmutigt fühlen. Oft liegt das Problem weniger an Unterschieden in der Anziehung oder Libido, sondern daran, dass Neugier, Wahlfreiheit und Freude verloren gehen. Sexualität bekommt eine zu große emotionale Bedeutung und spiegelt ungelöste Beziehungskonflikte wider.

Wenn Partner sich gegenseitig dafür brauchen, sich wertvoll, akzeptiert oder emotional stabil zu fühlen, entsteht eine emotionale Verschmelzung. Dabei reguliert jeder seine Emotionen und sein Selbstgefühl über den anderen, statt von innen heraus. Das führt dazu, dass die Stimmungen, Reaktionen und die Verfügbarkeit des Partners übermäßig wichtig werden und das eigene innere Gleichgewicht beeinträchtigen.

In emotional verschmolzenen Beziehungen sind beide oft abhängig voneinander, um emotional stabil zu bleiben. Rückzug oder Enttäuschung eines Partners destabilisieren den anderen leicht. Kleine Momente wirken übergroß, sexuelle Initiation oder Ablehnung wird als persönlich und bedrohlich erlebt. Emotionale Reaktionen werden intensiv und automatisch, anstatt flexibel und reflektiert.

Oft versuchen Paare, diese Dynamik zu "reparieren", indem sie Nähe und Distanz verhandeln. Dabei übersehen sie jedoch, dass das eigentliche Problem in der mangelnden Differenzierung liegt. Differenzierung bedeutet, emotional mit dem Partner verbunden zu bleiben und gleichzeitig in sich selbst fest verankert zu sein. Emotionale Verschmelzung hingegen ist Nähe ohne Freiraum – und sie kostet emotionale Freiheit, Flexibilität und letztlich auch das sexuelle Verlangen.

So wird Intimität zum Schauplatz der Spannungen zwischen Bindung und Autonomie. Bei geringer Differenzierung erscheinen diese beiden Bedürfnisse als Gegensätze, die nicht koexistieren können. Nähe zu suchen, fühlt sich an, als verliere man sich selbst; Abstand zu brauchen wirkt wie Ablehnung. Die Partner schwanken zwischen dem Wunsch, zur Beziehung zu gehören, und dem Bedürfnis, sich selbst treu zu bleiben.

Bindung und Autonomie sind jedoch keine Gegensätze, sondern Ausdruck desselben Entwicklungsantriebs: des Wachstums eines soliden, flexiblen Selbst. Gesunde Bindung erfordert Autonomie, und Autonomie wird durch Bindung vertieft. Wenn ein Partner in der Lage ist, sich selbst zu beruhigen und an seinem Selbstgefühl festzuhalten, muss der andere nicht mehr für die emotionale Stabilität in der Beziehung verantwortlich sein.

Probleme rund um Intimität und Verlangen treten daher besonders häufig bei emotional verschmolzenen Paaren auf. Menschen wünschen sich keine Partner, die sie ständig beruhigen oder bestätigen müssen. Wenn ein Partner stark auf Akzeptanz und Aufwertung seines Selbstwertgefühls durch den anderen angewiesen ist, leidet das sexuelle Verlangen oft zuerst. Der Partner mit höherem Verlangen erkennt oft nicht, dass sein Wunsch nach Nähe als Druck oder Bedürftigkeit empfunden wird. Diese Dynamik reduziert das Verlangen unbeabsichtigt weiter.

In solchen Beziehungen verliert der Partner mit geringerem Verlangen häufig das Interesse an Intimität – nicht, weil die Anziehung verschwunden ist, sondern weil Intimität als emotional erschöpfend erlebt wird. Intimität wird zur Arbeit und verliert ihren gegenseitigen Charakter.

Menschen wünschen sich keine Partner, die sie ständig bestätigen müssen – zumindest nicht als langfristige Partner. Gegenseitige Bestätigung ist ein großer Teil des Datings, aber nicht einer langfristigen Ehe. Man verliert Lust und Respekt füreinander, wenn das Bedürfnis des anderen nach Akzeptanz und Bestätigung die Beziehung dominiert.

Dr David Schnarch

Der Schlüssel zu lebendiger Intimität

Dauerhafte Intimität und sexuelles Verlangen entstehen nicht durch mehr Bemühungen oder mehr Entgegenkommen. Sie sind das Ergebnis persönlicher Entwicklung innerhalb der Beziehung: die Fähigkeit, mit dem Partner verbunden zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren, und Intimität zu wünschen, ohne sie zu brauchen, um sich vollständig zu fühlen.

Probleme mit sexuellem Verlangen sind ein natürlicher Bestandteil der Entwicklung intimer Beziehungen. Viele sexuelle Probleme werden häufig durch Ängste vor Nähe und ein geringes Selbstwertgefühl verursacht.

Viele Menschen nutzen Intimität zur Emotionsregulation. Reife Intimität verlangt jedoch Selbstregulierung. Wer sich selbst regulieren kann, hört auf, Intimität oder Nähe zu verlangen, um sich okay zu fühlen.

Echte Intimität und leidenschaftliches Verlangen sind kein Nebenprodukt vollkommener Harmonie, sondern das Ergebnis von zwei Menschen, die:

  • nah sein können, ohne sich selbst zu verlieren
  • ihre eigenen Emotionen regulieren können
  • Konflikte konstruktiv angehen
  • engagiert bleiben, auch wenn sie herausgefordert werden

Veränderung geschieht nicht über Nacht. Die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren statt durch die Beziehung, erfordert Mut, Geduld und Übung. Paare, die diesen Weg gehen, erleben oft eine tiefgreifende Veränderung: Groll wird weniger, Druck nimmt ab und Intimität wird authentischer.

Das Ziel ist nicht mehr Intimität, sondern ein solides Selbst. Wenn beide Partner in sich selbst geerdet bleiben und gleichzeitig emotional verbunden sind, kann sich Intimität vertiefen – und das Verlangen kehrt auf natürliche und ehrliche Weise zurück.

Quelle

  • Dr David Schnarch Intimacy and Desire. Awaken the Passion in Your Relationship

    Evergreen, Colorado: Sterling Publishers, 2019

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Über Réka Török

Réka Török ist Paarberaterin und Change Leaderin für gute Beziehungen. Mit ihrer wissenschaftlich fundierten Ausbildung in der differenzierungsbasierten Paartherapie am Couples Institute in Kalifornien verbindet sie Erkenntnisse aus Bindungstheorie und Neurowissenschaften, um Paare dabei zu unterstützen, Konflikte zu lösen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam emotional zu wachsen. Ihr empathischer und vorurteilsfreier Ansatz hilft Paaren, mutig neue Wege zu gehen und ihre Beziehung nachhaltig zu stärken.

Réka Török

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